Prolog
Mit einem feinen Knarzen öffnete sich die schwere Holztür und eine geduckte Gestalt huschte ins Innere des gekachelten Raumes. Ihre Stiefel quietschten auf dem Fliesenboden und sie stieß einen gedämpften Fluch aus. Sie war nicht das erste Mal hier, doch hin und wieder vergaß sie die Tücken des Bodens. Bei ihren nächsten Schritten hob sie gezielt die Füße. »Wie ein Storch im Salat.« So lautete ein altes Sprichwort, welches ihr in diesem Augenblick in den Sinn kam. Wie passend, wenn man bedachte, dass dies die Futterküche des Frankfurter Zoos war, gefüllt mit Kräutern, Salaten, Obst und Gemüse, alle erdenklichen Leckereien für die Pflanzenfresser. Insekten verschiedenster Arten befanden sich hinten in einem kleineren Nebenraum, eingefrorene Insekten sowie lebendige Heimchen und Ähnliches. Die Gestalt schüttelte sich bei diesem Gedanken. Manche Tiere wurden gehegt und gepflegt und den Besuchern in winzigen Gehegen präsentiert, andere wurden getötet und verfüttert. Wer war mehr zu bedauern? In ihren Augen waren es die Lebenden. Apathisch trotteten diese Tiere vor sich hin oder sprangen panisch kreischend durch den Raum wie Affen. Selbst den Wassertieren blieb nichts anderes übrig, als immer wieder die gleichen Runden in ihren Becken zu ziehen. Keines der Tiere konnte sich an einem Ort wie diesem wohlfühlen. Den Menschen, die in der direkten Umgebung lebten, ging es aufgrund des permanenten Lärms und Gestanks nicht besser. Das betraf nicht nur diesen Ort, nein, es war in jedem Zoo Deutschlands das Gleiche. Hier in Frankfurt würde sich die Situation ändern, dafür wollte sie sorgen. Nach und nach sollten die Menschen erfahren, was hier geschah. Die Gestalt ging weiter durch die Küche. Inzwischen wusste sie, wo welches Futter gelagert wurde, und sie steuerte die Kühltruhen mit dem Fleisch für die Großkatzen und anderen Raubtiere an.
Die Mitarbeiter, die am Abend arbeiteten, bereiteten die Mahlzeiten für den nächsten Tag vor. Alles war sortiert, abgewogen, verpackt und beschriftet. Wunderbar! Es war so einfach, die passende Tierart auszuwählen. Nach einer kurzen Suche hatte sich die Schattengestalt entschieden und griff nach einem Behälter. Sie öffnete ihn und zog eines der Fleischstücke heraus. Das größte Stück würde sich das stärkste Tier der Rasse schnappen, was für ihr Vorhaben ungünstig war. Sie wählte daher gezielt ein kleineres Fleischstück, dann breitete sie eine Folie auf dem Tisch aus, legte das Fleisch darauf und kramte anschließend in ihrem Rucksack. Sie wurde fündig und zog eine braune Glasflasche aus dem Innern. Sie öffnete sie und roch am Inhalt. Herb, kräuterig, ja, aber nicht penetrant genug, dass die Mitarbeiter des Zoos den Geruch am nächsten Tag bemerken würden. Wer den widerlichen Gestank von totem Fleisch in der Nase hatte, der war automatisch abgestumpft für diese zarten und einzigartigen Düfte der Pflanzen. Zudem würde sie sich selbst um die Fütterung kümmern, wenn es möglich war. Für einen Augenblick hielt sie inne, um ihren Atem zu beruhigen. Es würde alles nach Plan verlaufen, es war die letzten Male ebenfalls gut gegangen. Zumindest für sie, die sie die Flasche hielt. Für die Tiere weniger, doch es hatte nicht die nötige Wirkung auf die Menschen gezeigt, und das musste sich ändern. Die Gestalt ließ den Inhalt der Flasche behutsam über das Stück Fleisch fließen. Mit geschickten Fingern, die in Handschuhen steckten, massierte sie die Flüssigkeit in das Fleisch, sicher war sicher. Anschließend schob sie es an die zweite Position in die Box mit den anderen Fleischstücken zurück. Sie hoffte, dass sie selbst die Fütterung durchführen würde, um dem richtigen Tier das präparierte Stück geben zu können, doch sollte ihr jemand zuvorkommen, würde es vermutlich eher an eines der stärkeren Tiere gelangen. Sie packte die Flasche in den Rucksack, brachte die Fleischbox zurück in die Truhe, streifte die Handschuhe ab und zog neue an. Sie desinfizierte alle Oberflächen, um die Spuren ihres Tuns zu beseitigen, und blickte sich zufrieden in der Futterküche um. Sie musste abwarten, bis die Zeit der Fütterung gekommen war, bis die Wirkung einsetzte, bis die Menschen erkannten, dass etwas nicht stimmte, bis die Besucher Fragen stellten, bis sie Empörung zeigten. Eine Folge von Ereignissen, die sich aneinanderreihten wie Perlen an einer Kette. Von dem letzten Punkt, der öffentlichen Debatte, hing alles ab, denn daran war es bisher gescheitert. Dieses Mal musste es anders laufen. Ein Lächeln zog über das Gesicht der Gestalt, die einen letzten Blick durch den Raum schweifen ließ, die Futterküche verließ und die schwere, knarzende Holztür hinter sich schloss.
Kapitel 1 Opa Willys Erbe
»Schau mal, wie flauschig die Wolken sind!«
»Die da sieht aus wie Tante Elfi.«
»Nein, wie der Bo!«
»Wie kommst du denn darauf?«
»Bo ist flauschiger als Tante Elfi.«
»Findest du?«
»Klar. Bo ist ja wohl der Flauschigste von uns.«
Während die jungen Präriehunde darüber diskutierten, wer das flauschigste Exemplar des Frankfurter Zoos sei, und die erwachsenen Tiere die Mittagssonne genossen, saß ein einzelner Präriehund dicht an der Grenze zur benachbarten Voliere der Beos. Er war so sehr in seine Gedanken vertieft, dass ihm nicht einmal auffiel, dass ein Rest Petersilie aus seinem Mäulchen ragte.
»Und der Sonderbarste! Sagt meine Mama.«
Bei diesem Satz horchte der Große auf. »Von wem reden die Kleinen? Seit wann haben wir in der Kolonie einen Bo?« Er war sich nicht sicher, ob er die Frage an sich gerichtet hatte oder an den rundlichen Stein neben sich, über dem eine Wärmelampe angebracht war. Zwei Augen erschienen wie aus dem Nichts und sahen ihn zweifelnd an.
»Gut, dass sie nicht vom klügsten Präriehund gesprochen haben, sonst hätte ich ihnen widersprechen müssen«, antwortete das Chamäleon, welches in der grauen Farbe der Steine sichtbar wurde.
»Moment. Bo. Boris? Die meinen mich?« Vor Empörung blieb ihm das Maul offenstehen und der Petersilienstängel fiel zu Boden.
»Nur ein wahrer Meisterdetektiv könnte diese Schlussfolgerung ohne die Hilfe seines besten Freundes treffen.«
»Du siehst dich als meinen besten Freund, Caspar? Ein solches Kompliment aus deinem Munde verblüfft mich.« Boris grinste Caspar breit an, während das Chamäleon keine Miene verzog. Eine kindliche Stimme unterbrach die Diskussion. »Wenn man die oberflächliche Flauschigkeit einmal außer Acht lässt, dann erkennt man doch klar die Gestalt eines Nashorns, dessen Horn jedoch ein klein wenig zu lang und ein paar Zentimeter zu weit links sitzt. Auf die Zentimeter will ich mich nicht festlegen, da sich diese innerhalb weniger Minuten durch Luftstrom und potenzielle Verwirbelungen wieder ändern kann. Jedoch eindeutig nicht Bo, sondern ein Nashorn.«
Boris und Caspar schauten erst zur heiß diskutierten Wolke am Himmel und anschließend zu dem Präriehundmädchen. Selbstbewusst saß sie da und nickte, während sie versuchte, die Nashornwolke mit den Pfoten zu vermessen.
»Äh, wie denkt man sich die Flauschigkeit weg?«, fragte ein anderes Jungtier und blickte in ratlose Gesichter.
»Keine Ahnung.«
»Vielleicht sollten wir etwas anderes spielen.«
Damit tollte sich die Schar, um an anderer Stelle eine Runde Fangen zu spielen. Das Präriehundmädchen folgte, jedoch nicht ohne vorher seufzend festzustellen, dass die Wolke sich langsam in ein Krokodil verwandelte, wenn auch ein dickes mit geschwollenem rechten Hinterfuß. Von oben zwitscherte eine weibliche Stimme, in der Caspar und Boris ihre Freundin Lina erkannten. Die Beodame saß auf einem Ast innerhalb ihrer Voliere, der am nächsten an das Gehege der Präriehunde grenzte.
»Die Kleine ist schon etwas sonderbar. Sie erinnert mich stark an jemanden, den ich gut kenne«, sagte Lina.
»Wer das nur sein mag«, erwiderte Caspar trocken. Boris hingegen sprach kein Wort. Er war tief in Gedanken versunken.
»Brokkoli an Boris! Alles klar bei dir?«, wollte Lina wissen. Erst jetzt wandte sich der Präriehund seiner Freundin zu.
»Noch gehört sie dazu«, murmelte er.
»Das Mädchen? Natürlich, ihr seid doch alle eine Sippe. Warum sollte sie nicht dazugehören?«
Boris lächelte gequält. »Weil es bei mir nicht anders war. Habe ich euch je von Opa Willy erzählt?« Lina verneinte und Caspar reagierte nicht, was einem Nein gleichkam. »Ich bin quasi mit lauter Fragen im Kopf auf die Welt gekommen. Ich weiß nicht, warum, doch sie wollten raus und beantwortet werden. Ich fragte meine Mama, meinen Papa, meine Onkel und Tanten. Ich fragte sie alles, was mir in den Sinn kam, und sie antworteten mir. Damals haben alle über den aufgeweckten Kleinen geschmunzelt und waren sich sicher, dass sich die Fragen schon legen würden, wenn ich erst erwachsen sein würde.«
»Hat nicht funktioniert«, warf Caspar ein. Boris hob eine Augenbraue und sah seinen Freund an.
»Nein, hat es nicht. Mein Kopf ist auch heute voll mit Fragen, nur stelle ich sie nicht mehr laut, nein, zumindest stelle ich sie seltener laut. Aber zurück zu damals: Der einzige Präriehund, dem meine Fragen nie zu viel wurden, war Opa Willy. Was er mir beantworten konnte, das beantwortete er mir. Bei allem anderen lehrte er mich, der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Ich sollte aufmerksam sein für alles Wunderbare und Sonderbare, das die Welt zu bieten hat.«
Lina hüpfte auf ihrem Ast hin und her. »Dann hat er dich auf die Idee gebracht, ein Detektiv zu werden?«
»Ja genau. Opa Willy war aus einem Zoo in Paris gekommen, um frisches Blut in unsere Kolonie zu bringen. Er brachte jedoch noch viel mehr mit: Geschichten über Geschichten! Von Detektiven, die ihren messerscharfen Verstand nutzten, um jedes Verbrechen aufzudecken und jeden noch so gewieften Gauner dingfest zu machen. Ganz im Alleingang!«
»Und in diesem Klub grandioser Detektive siehst du dich auch?« Es klang eine ordentliche Portion Skepsis in Caspars Stimme mit, doch Boris schüttelte den Kopf.
»Natürlich nicht. Ich strebe es überhaupt nicht an, im Alleingang zu arbeiten. Aber wir als Team können das schaffen. Davon bin ich überzeugt.«
»Wir haben gerade mal einen Fall gelöst«, konterte Caspar.
»Korrekt. Damit liegt unsere Erfolgsquote bei 100 Prozent. Der nächste Fall wartet auf uns, das spüre ich!«
»Hast du eine genauere Idee, was das sein könnte?« Lina sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Auch wenn sie es nie ausgesprochen hatte, vermisste sie es, mit ihren Freunden außerhalb der Zoomauern auf Erkundungstour zu sein. Mission Adler war ein gefährliches Unterfangen gewesen, doch es hatte ihr gezeigt, dass sie mehr zu bieten hatte als Eierlegen und Brüten. Als es darauf angekommen war, war sie bereit gewesen, sich mit einer Katze zu verbünden. Damit dachte sie an Josefa, das vierte Mitglied ihres Teams, die als Einzige nicht im Zoo, sondern bei dem Feuerwehrmann Tom lebte. Boris’ Antwort unterbrach ihre Gedanken.
»Ja. Kommt es euch denn nicht merkwürdig vor, wie oft in den letzten Tagen der Tierarzt gerufen wurde, weil ein Tier krank war?«
»In so etwas witterst du einen Fall?« Caspar rollte mit den Augen. »Du brauchst ein anderes Hobby, Boris. Oder ein Weibchen. Vielleicht diese Tante Elfi, die ist zumindest ähnlich flauschig wie du.« Boris errötete bei dem Gedanken an Elfi, die er tatsächlich reizvoll fand. Dennoch war nicht die Zeit, sich über derlei Dinge den Kopf zu zerbrechen.
»Quatsch! Natürlich kommt der Tierarzt immer wieder vorbei. Besonders für Routineuntersuchungen. Aber dieses Mal ist es wegen einer Krankheit, die in der Regel nur ein Tier der jeweiligen Herde befällt und die sich nicht weiter ausbreitet. Die bisherigen Fälle treffen Arten, deren Gehege nicht nebeneinanderliegen. Sie können sich also nicht von Gehege zu Gehege angesteckt haben. Zudem sind bisher nur Pflanzenfresser betroffen. Erklär mir, Caspar, was das für eine Krankheit sein soll?« Darauf hatte das Chamäleon keine Antwort.
»Woher hast du all die Informationen?«, fragte Lina.
»Die meisten Informationen habe ich von den Spatzen. Die sind über den ganzen Zoo verteilt, wenn nicht sogar über die ganze Stadt. Sie bekommen unglaublich viel mit und tragen es weiter. Was das betrifft, so sind sie sogar schneller und zuverlässiger als die Affen! Ich lausche den Gerüchten, sortiere die wichtigen Fakten aus. Ich streue selbst Gerüchte, um zu sehen, ob sie sich verbreiten oder sofort dementiert werden.«
»Dementiert? Was bedeutet das?«, wollte Lina wissen.
»Wenn eine Behauptung öffentlich für unwahr erklärt wird, dann nennt man das Dementieren«, erläuterte Boris.
»Und woher weißt du so was?« »Von Opa Willy. Er kannte lauter solche Worte. Kommen wir zurück zum Ausgangspunkt. Was diese Erkrankungen betrifft, so bin ich überzeugt, dass mehr dahintersteckt. Wir müssen wachsam sein. Der nächste Fall ist näher, als wir denken.«